13.02. Jessica Raven – Kiss me, please!

Jessica Raven – Kiss me, please!

Hm, was läuft denn heute Interessantes im Kino?
Ich blicke zu dem kleinen Bildschirm hoch, der die Kinovorschau samt Vorstellungszeiten anzeigt. Es ist zwar nicht so, dass ich bei den angebotenen Filmen Frust schiebe, doch am Valentinstag muss ich nicht unbedingt in eine Schnulze gehen. Noch dazu ohne Date. Das tue ich mir nicht an, denn das Mädchen in mir ist dann doch etwas eifersüchtig auf die anderen Paare. Genau aus diesem Grund sehe ich mich nach einem Actionfilm um. Ich glaube, der neue Triple X mit Vin Diesel ist genau das Richtige für mich. Gute Action und ein heißer Kerl zum Anschmachten. Ein Glück für mich, dass niemand an der Kinokasse ansteht, denn somit komme ich gleich dran.
„Eine Karte für Triple X, bitte“, sage ich und lächle den älteren Herrn an der Kasse freundlich an.
„Alleine?“, kommt es prompt von ihm.
Warum fragt der so doof? Hat er mir nicht zugehört? Alleine zu sein, ist doch nicht schlimm, denke ich, denn schließlich sagte ich bereits, dass ich nur eine Karte brauche.
„Ja“, antworte ich mit zusammengebissenen Zähnen.
„Okay. VIP-Sitzplatz oder normal?“ Da brauche ich nicht lange zu überlegen.
„VIP“, entgegne ich schnell. Am Valentinstag gönne ich mir den Luxus und zahle gerne ein paar Euro mehr für den Film. Der Kassierer reicht mir die Kinokarte und wünscht mir einen schönen Abend. Ich kann an seinem Blick erkennen, dass er Mitleid mit mir hat, da ich alleine hier bin. An diesem Tag. Als ob es ein Verbrechen wäre. Was kann ich denn dafür, dass ich schon das dritte Mal in Folge an einem Valentinstag Single bin? Nichts, genau. Ich mache das Beste aus diesem Tag und gönne mir was.
Bevor ich hoch zum Kinosaal gehe, möchte ich mir noch Popcorn holen. Deswegen stelle ich mich an der Snackbar an und bin abermals verwundert, dass auch hier keine Leute sind. Von den Bediensteten mal abgesehen.
„Wow, bei euch ist ja heute wenig los“, beginne ich das Gespräch mit der Verkäuferin. Diese schenkt mir ein müdes Lächeln und lehnt sich mit der Hüfte am Tresen an. „Sind alle bereits im neuen Shades of Grey-Film. Alles Pärchen und so.“
Wie sie das sagt. Pärchen und so. Und was bin ich dann? Als ob ich kein normaler Mensch wäre, rast es in meinen Gedanken.
So langsam geht mir das Getue hier auf den Geist. Bin ich denn echt weniger wert als junge Frau, wenn ich diesen Abend alleine im Kino verbringe? Natürlich hätte ich auch Freunde fragen können, ob sie mir Gesellschaft leisten. Doch die meisten hatten bereits ein Date oder sind in einer Beziehung. Und das fünfte Rad am Wagen zu sein, darauf habe ich echt keine Lust.
„Eine kleine Tüte Popcorn, bitte. Und haben Sie auch eine Flasche Sekt?“, frage ich. Mit einer hochgezogenen Augenbraue hebt die Dame einen Piccolo hoch. „Ja, diese zweihundert Milliliter-Fläschchen haben wir.“
„Gut, dann zwei davon.“ Stumm gibt sie mir alles, kassiert ab und wünscht mir dann noch einen schönen Abend.
„Danke, den habe ich sicher. Denn nun kann ich mich bei einem guten Film und mit einem heißen Kerl sinnlos betrinken.“ Zum Gruß hebe ich noch eine Flasche an, nicke ihr kurz zu und gehe dann die Stufen zum Kinosaal hinauf.
So wie es aussieht, bin ich echt die Einzige, die heute in diesen Film geht. Auch schön, eine private Vorstellung.
Zufrieden mit mir und der Welt steuere ich die obere Reihe an, denn dort befinden sich die VIP-Plätze. Große rote Lederstühle, die man auch nach hinten kippen kann. So bequem. Fast wie zu Hause auf dem Sofa.
Das Popcorn stelle ich auf den leeren Sitz neben mir, einen Piccolo in den Becherhalter an der Armlehne. Die andere Flasche halte ich fest in der Hand und öffne sie. Da ich ganz alleine im Kinosaal bin, proste ich mir selbst zu und trinke einen großen Schluck.
„Ah …“, stöhne ich vor mich hin und lasse mich in meinem Stuhl zurückfallen. Die Beine strecke ich aus und warte, bis der Film startet. Ein Mitarbeiter kommt noch zur Tür rein und sieht sich kurz im Saal um.
„Nur ich hier!“, rufe ich ihm zu. „Kannst also schon einschalten.“
„Nein, bitte wartet noch einen Moment!“, höre ich eine tiefe und sehr männliche Stimme. Und dann tritt ein junger Mann an dem Mitarbeiter vorbei. Er reicht ihm noch schnell seine Kinokarte und geht anschließend die Stufen hoch. Ich beobachte ihn, kann aber nicht mehr so gut sehen, da das Licht bereits gedimmt wurde. Doch das, was ich noch erkennen kann, sieht sehr gut aus.
„Oh, du bist alleine hier?“, fragt er, als er eine Reihe vor mir stehen bleibt. Ich blicke mich im Saal um und nicke dann.
„Cool, ich auch. Darf ich mich zu dir setzen?“, fragt er ganz unverblümt. Kurz bin ich von dieser Frage überrumpelt, nicke aber stumm. Hat man mir verdammt noch mal die Stimmbänder entfernt oder was ist mit mir los?
Der Kerl mit der sexy Stimme kommt zu mir und hält mir die Hand hin.
„Hi, ich bin Daniel. Und du bist?“ Ich nehme seine Hand und schüttle sie, als ich ihm antworte: „Jana.“ Obwohl ich nur sitze und mich nicht anstrenge, klingt meine Stimme atemlos.
„Hübscher Name“, äußert Daniel und setzt sich in den Stuhl neben mich.
„Hey, Sie da! Sie haben nur einen normalen Platz bezahlt!“, ruft der Mitarbeiter verärgert zu uns rauf. Schneller, als Daniel antworten kann, steht er dann auch schon vor uns.
„Sie müssen auf einen der anderen Sitzplätze wechseln.“ Mit offenem Mund starre ich den Kerl an. Will der mich verarschen? Keine Sau außer Daniel und mir ist in diesem Film.
„Keinen Stress. Hier bitte, damit ist der Sitzplatz bezahlt.“ Daniel hält dem Mitarbeiter einfach einen Zehneuroschein vor die Nase. Dieser nimmt ihn grimmig an und verschwindet wieder aus unserer Reihe. Als er den Film endlich startet und aus dem Saal geht, beginnen Daniel und ich laut loszulachen.
„Oh mein Gott! Ich dachte echt, dass er dich noch rauswirft“, sage ich unter Lachtränen.
„Ja, mit dem ist nicht zu spaßen, wie es aussieht.“ Der Film beginnt und wir wenden uns der Leinwand zu. Leider kann ich mich nicht wirklich auf den Streifen konzentrieren, denn Daniel zieht meine komplette Aufmerksamkeit auf sich. Es dauert nicht lange und mein Blick schweift immer wieder zu ihm hinüber. Ich bin der Meinung, dass er es nicht mitbekommt, da seine Augen stur nach vorne gerichtet sind, deswegen sehe ich ihn immer länger an. Plötzlich dreht er jedoch seinen Kopf und blickt mich direkt an.
Wow, ist alles, was ich denken kann.
Das nenne ich einen magischen Moment.
Unsere Blicke verhaken sich ineinander und es ist, als ob der Film stehen bleiben würde. Als hätte jemand auf Pause geschaltet.
„Was macht so eine hübsche Lady wie du an einem Valentinstag alleine im Kino?“, fragt er mich einfach. „Valentinsfrust?“
Ich schüttle den Kopf. „Nein, einfach kein Date und das schon seit Jahren“, antworte ich ehrlich. Warum ich ihm das so genau sage, weiß ich selbst nicht. Mein Hirn setzt aus bei seinem durchdringenden Blick. Und mein Herz beginnt zu flattern. Mir wird plötzlich ganz heiß.
„Warum dann zwei Flaschen Sekt?“
„Wollte mich sinnlos betrinken.“ Ein tiefes Lachen erfüllt den Raum und meinem Körper schenkt es ein aufregendes Prickeln. Ein Schauder jagt durch mich hindurch und bringt mein Herz dazu, schneller zu schlagen. Ich muss kräftig schlucken, bevor ich überhaupt ein weiteres Wort sagen kann.
„Willst du mit mir eine Flasche trinken?“
„Eigentlich bin ich kein Sekttrinker, aber ich denke, dass ich bei dir eine Ausnahme machen kann.“ Grinsend, als hätte ich gerade im Lotto gewonnen, reiche ich ihm die zweite Flasche.
„Auf einen schönen Abend“, sage ich und halte meine geöffnete Flasche hoch. Daniel öffnet seine ebenfalls und stößt mit mir an.
Für einen kurzen Moment blicken wir uns noch an, dann jedoch widmen wir uns wieder dem Film. Vin Diesel ist so heiß anzusehen, ich weiß nicht, ob ich wegen ihm oder wegen Daniel zu schwitzen anfange. Unruhig sitze ich da und weiß nicht, wohin mit meinen Füßen und meinen Händen. Mal habe ich sie übereinandergeschlagen, dann wieder ausgestreckt. Doch nichts passt mir. Ich kann mich einfach nicht mehr auf den Film konzentrieren. Immer wieder wandert mein Blick zu Daniel. Als er sich schließlich über seine Lippen leckt, bekomme ich fast einen Anfall. Ich würde am liebsten auf ihn springen und seinen schönen Mund küssen. Normalerweise bin ich nicht so bei fremden Männern. Doch bei Daniel ist sofort ein Funke übergesprungen. Zumindest von meiner Seite aus. Doch die Seitenblicke, die auch er mir immer wieder zuwirft, wenn er denkt, ich würde ihn nicht mehr ansehen, sagen vieles. Die Spannung im Saal wirkt wie aufgeladen und nimmt mit jeder Minute noch ein Stückchen weiter zu. Wie sehr ich mir doch gerade wünsche, dass er mich am Hinterkopf packt und einfach hart seine Lippen auf meine presst. Vielleicht passiert es ja auch, wenn ich ganz fest daran glaube und meinen Wunsch immer wieder in Gedanken formuliere. Stumm formen meine Lippen diese Bitte mit. Wiederholen jedes Wort immer und immer wieder. Irgendwann muss ich jedoch so in mein Mantra vertieft sein, dass ich es wohl laut ausspreche.
Daniel dreht seinen Kopf in meine Richtung und sieht mich ungläubig an. Seinen Blick kann ich nicht deuten – wegen der Dunkelheit im Saal -, doch bin ich mir sicher, dass er meinen sehr gut sieht. Weit aufgerissene Augen und den Mund offen, so starre ich ihn an. Ein „Oh!“ kommt mir noch dazu über die Lippen. Ich möchte am liebsten im Erdboden versinken, außer er würde mir meinen Wunsch erfüllen.
„Ich soll dich also küssen?“, fragt Daniel mich direkt. Kurz überlege ich, ob ich ihn anlügen und ihm auftischen soll, dass ich das zu Vin auf der Leinwand gesagt habe, entscheide mich dann aber, den Stier bei den Hörnern zu packen und einfach ehrlich zu ihm zu sein.
„Ja“, hauche ich und warte nervös auf seine Reaktion. Es dauert für meine angespannten Nerven fast zu lange, bis er auf meine Antwort reagiert. „Warum sagst du das nicht gleich?“, erwidert er heiser und mit einem sexy Grinsen im Gesicht, beugt sich nach vorne und nimmt mein Gesicht in seine Hände. Das sind die letzten Worte, die ich bis zum Ende des Films von ihm höre. Unsere Münder treffen sich und der Kosmos verschiebt sich.