15.02. Lotte Römer – Bitte keine Blumen

Lotte Römer – Bitte keine Blumen

Carla stapfte durch den Schnee. Sie war so wütend, dass sie das weiße Glitzern der aufstiebenden Flocken einfach ignorierte. Patric hatte ihre Gefühle heute Morgen aufs tiefste verletzt, als er einfach aufgestanden war und ohne einen Kuss oder ein liebes Wort zur Arbeit gegangen war. Dabei war heute Valentinstag. Ein Tag der Liebe und der Überraschungen, an dem man die Zweisamkeit mit dem Partner feiern sollte.
Dazu kam, dass es auch noch bitterkalt draußen war. Sie zog ihre rote Jacke fester um sich und lief weiter. Gleich würde sie im Büro ankommen. Und von da an würde der Tag nicht besser werden. Ihre Kollegin Greta hätte mit Sicherheit wieder eine Story von ihrem zauberhaften Freund Gregory parat, der ihr den Himmel jeden Tag wieder voller Geigen zu hängen schien, auch noch jetzt, zwei Jahre nach der Hochzeit. Mit Sicherheit hatte er Greta schon mit einem Glas Sekt am Frühstückstisch überrascht oder die Badewanne mit Rosenblättern gefüllt.
Damals vor zwei Jahren hatte er Greta auf einen Kurztripp nach Hawaii entführt und ihr dort am Strand einen Heiratsantrag gemacht. Natürlich hatte Greta Carla daraufhin sofort angerufen und ihr die Neuigkeit aufs Brot geschmiert, wohl wissend, dass Patric nicht zu den romantischsten aller Männer gehörte.
Heute Morgen hatte Pat auch noch verschlafen und war dann in Windeseile in Richtung NYPD verschwunden, nachdem er in seine Uniform geschlüpft war. Gerade, dass er ihr noch zugewunken hatte zum Abschied. Carla schnaubte. Er war sonst ein sehr liebevoller Mann und zeigte so oft durch kleine Gesten im Alltag, wie wichtig Carla ihm war. Außerdem sah er wahnsinnig gut aus in seiner Polizeiuniform. Keine Frage: Er war ein rundum toller Mann. Und wie wichtig war es da schon, dass er solche Gelegenheiten wie den Valentinstag vergaß und so gar nicht auf romantische Abendunterhaltung bei Kerzenlicht stand? Stattdessen kochte er oft für sie, nahm auch mal den Staubsauger in die Hand und hatte immer ein liebevolles Lächeln übrig. Seine Liebe war nicht wild, kein Rudel aufstiebender Schmetterlinge, das ständig herumwirbelte, aber bodenständig und alltagstauglich. Etwas, das Greta allerdings nie gelten ließ.
Carla konnte sich das Szenario schon vorstellen, wie ihre Kollegin wieder angeben würde.
In diesem Augenblick hatte Carla eine Idee. Heute würde sie nicht in Valentinsfrust verfallen. Sie würde Carla den Wind aus den Segeln nehmen. Es wäre doch gelacht, wenn sie ihrer Kollegin nicht auch mal eins auswischen könnte.
Vor einem Blumengeschäft klopfte sie sich den Schnee von den Schuhen. Dann trat sie ein und wandte sich an den heute mehr als gut beschäftigen Rosenverkäufer.
Ha! Sie würde es Greta zeigen.
Als Carla im Büro ankam, war ihre Stimmung bestens.
„Oh, hallo!“
Vor Greta stand eine riesige Schachtel Pralinen, selbstverständlich in Form eines Herzens. Sie griff gerade nach der nächsten Schokolade und biss selbstgefällig hinein.
„Schau, die hat Gregory mir heute Morgen überreicht.“
Carla verdrehte innerlich die Augen und hängte ihren Mantel über die Stuhllehne. Das ging ja schon gut los. Unauffällig warf sie einen Blick auf die Uhr. Hoffentlich ging alles glatt.
„Schön.“
„Was hat Patric dir denn geschenkt?“
„Oh, also …“
In diesem Augenblick klopfte es an der Tür. Wunderbar. Das klappte ja wie am Schnürchen.
Und tatsächlich, draußen stand ein Blumenbote mit einem riesigen Strauß Rosen.
„Carla Rogers?“
„Ja, das bin ich.“
„Ich habe hier Blumen von einem gewissen Patric.“
Die Rosen sahen fantastisch aus. Zu dem Bouquet gebunden wirkte der Strauß noch größer und ließ Carlas Pralinenschachtel geradezu winzig wirken. Das war die sechzig Dollar wert!
„Vielen Dank!“
Carla ging mit dem Blumenstrauß bewaffnet zurück an ihren Schreibtisch.
Der säuerliche Gesichtsausdruck von Greta war nicht zu übersehen. Sie stopfte sich die nächste Praline in den Mund und kaute energisch darauf herum.
„Blumen. Aha.“ Mehr sagte die Kollegin nicht.
Carla freute sich diebisch über ihren Clou. Sie holte eine Vase aus dem Schrank, die natürlich viel zu klein für einen Strauß dieser Größe war. Für heute hatte sie mal ganz sicher ihre Ruhe vor Greta und ihrem wunderbaren Greg. Was für eine Erleichterung!
Sie ließ sich auf ihren Bürostuhl fallen und schaltete ihren Computer ein.
Eine E-Mail blinkte auf. Von Patric. Der schrieb ihr doch nie!
„Auch in diesem Jahr hat Amor mir seinen Pfeil wieder hinterrücks und total unsanft in den Rücken gerammt. Ich habe den Valentinstag vergessen, nicht wahr? Es tut mir wirklich leid. Vermutlich ist mir dieser Tag deswegen so unwichtig, weil ich dich an jedem Tag meines Lebens mehr liebe und mir sicher bin, dass das für immer so bleibt. Ich hoffe, du verzeihst mir. Ich bring dir heute Abend auch Blumen mit, ja?“
Carla wurde von dem warmen, heimeligen Gefühl durchflutet, das nur Patric ihr geben konnte. Ein glückliches Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie auf den Antworten-Knopf klickte. Sie schaute zu dem überdimensionierten Rosenstrauß auf ihrem Schreibtisch und kicherte leise.
„Alles, aber bitte bloß keine Blumen! Ich liebe dich auch. Deine Carla.“