16.02. Rose Bloom – Anti-Valentinstagsgang

Rose Bloom – Anti-Valentinstagsgang

Ich vernahm den Schlüssel im Schloss der Wohnungstür und begann innerlich bereits zu seufzen.
»Ich bin zuhause!«, hörte ich die Stimme meiner WG-Mitbewohnerin Abby und schon stand sie im Türrahmen. Es war so schön gewesen alleine den ganzen Tag daheim. So schön … »Boah, hast du hier drin irgendetwas getötet?«, meckerte sie und rümpfte die Nase. Außer einem Brummen konnte ich nichts von mir geben und drehte die Lautstärke des Fernsehers hoch. Texas Chainsaw Massacre, Originalfassung. Genau richtig für den heutigen Tag!
»Hast du das Sprechen verlernt, Emma?« Abby stemmte die Hände in die Hüften und ich rollte mich vom Rücken auf meinen Bauch.
»Lass mich«, nuschelte ich in die Kissen und spürte ihren Fuß, der mich leicht antippte.
»Kann es sein, dass dein Shirt die Reste deines gesamten Essens der letzten beiden Tage trägt?«, hörte ich ihr nerviges Gezeter weiter, drehte mich erneut um und zog den Saum meines T-Shirts nach unten, damit ich es betrachten konnte. Vielleicht hatte sie recht.
»Nein, nur des heutigen …«, brummte ich weiter und sie schüttelte den Kopf.
»Ich habe eine Überraschung für dich!«, strahlte sie und mir schwante Übles. Wenn Abby etwas geplant hatte, dann war das meistens nichts Gutes. Außerdem war der heutige Tag mein absoluter Hasstag und ich stellte mir nichts Schlimmeres vor, als vor die Tür zu gehen. Oder zu atmen.
»Du musst endlich über deinen Valentinstagsfrust wegkommen! Amors Pfeil trifft dich nicht, wenn du hier vergammelst! Und sorry, Süße, aber du siehst echt übel aus!«
Ich seufzte ein weiteres Mal. Das Geräusch wurde zu meinem Lieblingslaut. »Kann man dich auch abstellen?«
Sie ging hinüber zur Fensterfront, zog den Rolladen nach oben und riss die Fenster weit auf. Kalte Februarluft strömte in den Raum und eine Gänsehaut überzog mich.
»Echt jetzt?«, fragte sie und hielt die leere Pralinenschachtel in Herzform nach oben, die auf dem Wohnzimmertisch lag.
Ich zuckte mit den Schultern. »An diesem dämlichen Valentinstag gibt’s die Dinger nur in dieser bescheuerten Aufmachung und ich brauchte unbedingt irgendwas aus Schokolade. Viel Schokolade!«
»Geh duschen! Keine Widerworte! In einer Stunde ist Abfahrt, denn ich glaube, so lange brauchst du um dein braunes Nest auf dem Kopf zu entwirren!«
»Gibt es bei der Überraschung Alkohol?«, fragte ich und sie verdrehte die Augen.
»Reichlich!«
»Na dann, bis gleich!«

Anderthalb Stunden später liefen wir auf die Bar zu, in dem ich auf meine Überraschung hoffte. Und damit meinte ich nicht irgendein bescheuertes Viererdate, wie es Abby schon so oft versucht hatte. Ich meinte damit eine extra große Flasche Jack Daniels.
»Du siehst wirklich hübsch aus, wenn du dir mal etwas Mühe gibst. Deine blauen Augen strahlen richtig!«
Stirnrunzelnd sah ich sie an. »Abby, ich habe dir gesagt, du sollst das mit den Drogen lassen!«
Sie grinste, ging daraufhin glücklicherweise weiter und ich hätte schon wieder laut aufschreien können. An den Fenstern der Bar klebten rote Herzen, über der Tür hing ein gigantisches Schild mit einem kleinen, dicken Amor und einem sich küssenden Pärchen und vor der Treppe stand irgendeine kitschige Figur mit Schmetterlingen und allerlei anderem bescheuerten Kram. Als Abby nicht hinsah, gab ich der Figur einen Tritt.
Beknackter Tag. Dass man auch ständig unter die Nase gerieben bekam, wie glücklich die Liebe machen sollte. Ha! Von wegen …
In der Bar wurde es mit der Dekoration nicht besser und ich schloss die Augen.
»Hättest du nicht etwas auswählen können, was weniger furchtbar ist?«, fragte ich Abby, während sie mit aufmerksamen Blick irgendjemanden innerhalb des Raumes suchte.
»Nö! Ein Trauma heilt man am besten mit Konfrontation! Ach, da sind sie ja!« Sie winkte und mein Blick folgte ihrer Geste.
An dem Tisch saßen tatsächlich zwei Kerle. Der eine hob die Hand und lächelte Abby nett zu, der andere … sah genauso aus wie ich. Als hätte er absolut keine Lust auf diesen Mist. Er war mir auf Anhieb sympathisch und ich hatte Hoffnung, nicht allzu viel mit ihm reden zu müssen.
»Wieder so ein Doppeldate Mist?«, fragte ich Abby, aber sie ging bereits los und auf den Tisch zu. Mit hängendem Kopf trottete ich ihr nach.
»Hi, Matt!«, sagte sie und gab dem breitgrinsenden Typen Küsschen auf die Wangen. Matt? War das nicht ihr Kollege, auf den sie schon länger scharf war?
»Das ist Emma, meine Freundin und Mitbewohnerin! Emma, Matt, von der Arbeit!«
Aha, Jackpot.
Mein Blick wanderte zu dem anderen Typen, der sich weder die Mühe machte aufzustehen oder mir ein kleines Lächeln zu schenken. Er drehte zwischen seinen langen Fingern nur ein Glas mit einer bernsteinfarbenen Flüssigkeit und fixierte es starr. Seine Haare waren etwas zu wild, sein Bart etwas zu lang, aber die Oberarme, die aus dem schwarzen Shirt raus blitzten, sahen gar nicht mal so schlecht aus. Genauso wie die einzelnen Tätowierungen. Ich konnte meinen Blick gar nicht von den bunten Bildchen abwenden.
»Brauchst du ein Passbild?« Ertappt sah ich nach oben und in eisblaue Augen, die mich kühl anfunkelten.
»Wieso nicht, hast du eins?«, fragte ich und er senkte erneut genervt den Blick.
»Sorry, das ist mein Bruder Ethan. Ich dachte, es wäre nett, wenn er mal rauskommt …«, sagte Matt und Abby lachte.
»Das kenn ich …«
»Na ihr versteht euch ja blendend! Wenn wir euch so nerven, wieso durften wir dann nicht zuhause bleiben!«, meckerte ich und schob mich auf den freien Stuhl neben Ethan. Ich sah auf das Glas, das stark nach etwas Hochprozentigem aussah, griff es mir und leerte es in einem Zug. Automatisch verzog ich das Gesicht. Es war tatsächlich Whisky.
»Geht’s noch?«, knurrte Ethan und ich zuckte mit den Schultern, während die anderen beiden gegenüber von uns Platz nahmen.
»Anders ist das hier doch nicht zu ertragen!«, sagte ich und erkannte ein winzig kleines Zucken um Ethans hübschen Mund.
»Hör mir zu, ich hab ebenfalls keine Lust auf das alles. Ich bin nur Abby zuliebe hier. Wir müssen uns nicht unterhalten oder so tun, als hätten wir einen schönen Abend. Das Einzige was ich brauche, ist noch etwas zu trinken, dann halte ich den Mund.«
Mein Blick wanderte durch die Bar auf der Suche nach einer Kellnerin. Abby und Matt begannen eine angeregte Unterhaltung über irgendetwas. Es war mir egal was.
Da endlich! Als die Kellnerin bei uns ankam, bestellte ich zwei Whisky. Nur weil ich Ethans ersten leer gemacht hatte.
»Danke …«, sagte er leise und ich nickte stumm.
Einige Minuten herrschte Stille, bis das Licht auf einmal gedimmt wurde und laute Musik anging. Eine Diskobar. Na klasse.
»Oh toll! Matt, gehen wir tanzen?«, fragte Abby begeistert und er stimmte zu. Nun saß ich alleine neben Mister Superlaune.
»Ich hasse diesen Tag …«, murmelte ich. Endlich kamen unsere Getränke und Ethan stieß sein Glas unvermittelt an meines.
»Dito.«
In einem Zug leerten wir die Drinks und sahen uns an. Ethans linker Mundwinkel glitt ein wenig nach oben.
»Wieso magst du den Valentinstag nicht?«, fragte er und ich senkte den Kopf. Das Letzte, worauf ich Lust hatte, war, darüber zu sprechen.
»Erst du!«, sagte ich und sah ihn erneut an. Er schürzte die Lippen, danach bestellte er noch zwei Whisky bei der Kellnerin.
»Der Klassiker. Hab meine Freundin im letzen Jahr an Valentinstag in unserer Wohnung mit meinem besten Kumpel erwischt …«
»Autsch«, sagte ich und drehte mich noch ein Stück zu ihm. Er war mindestens doppelt so breit wie ich und auf seinem schwarzen Shirt war ein Smiley mit Kreuze in den Augen und einer heraushängenden Zunge zu sehen. Es sah so aus, wie ich mich fühlte.
»Jetzt du!«, sagte er und ich seufzte.
»Mein Verlobter hat mich vor zwei Jahren am Valentinstag vorm Traualtar stehen lassen. Unsere kompletten Familien waren da und es gibt ein Video davon!«
Glücklicherweise kamen die Getränke.
»Du hast gewonnen!«, sagte er, lächelte bitter und hielt sein Glas in die Höhe. »Scheiß auf rosa Herzchen, Gefühle, Rosenblätter oder Pralinen! Nie wieder das ganze Zeug!«
Meine Augenbraue glitt nach oben. »Lass die Pralinen weg, okay. Die können echt nichts dafür!«
Er lachte zum ersten Mal an diesem Abend und sein Lächeln ließ mein Herz einmal stolpern. Aber nur ein einziges Mal!
»Auf die Anti-Valentinstagsgang!«
»Auf die Anti-Valentinstagsgang!«, wiederholte er und wir stießen an.
Nachdem wir die leeren Gläser zurück auf den Tisch gestellt hatten, sah Ethan mich eindringlich an. Unmöglich konnte ich gerade meine Augen von seinen abwenden.
»Wenn man eine Gang gründet, trinkt man normalerweise auf Brüderschaft«, sagte er und ich nickte langsam. »Weißt du, was das bedeutet?«
Ich nickte erneut. Langsam näherte er sich mir und als ich seinen Duft vernahm, fand ich den Valentinstag gar nicht mehr so schlecht, wie noch vor zwei Stunden.